Infrastruktur & Virtualisierung

Hyper-V, ESXi oder Proxmox: Auswahl nach Bestand, nicht nach Mode

Die VMware-Lizenzumstellung zwingt zur Neubewertung. Welche Plattform passt, entscheidet nicht das Produkt, sondern was Sie betreiben und können.

Warum die Frage jetzt so oft kommt

Seit der Übernahme von VMware durch Broadcom wird diese Frage häufiger gestellt als in den zehn Jahren davor. Meist in der Form: „Was ist denn jetzt das Richtige?"

Darauf gibt es keine Antwort, die für alle gilt, und wer eine gibt, verkauft, was er kennt. Was es gibt, ist ein Vorgehen: vier Fragen, deren Antworten die Auswahl in den meisten Fällen von selbst ergeben.

Was sich tatsächlich geändert hat

Der Auslöser der Neubewertung ist die Lizenzierung, nicht die Technik.

VMware hat die Dauerlizenzen abgeschafft; die Nutzung läuft über Abonnements, und mit dem Ende der Zahlung endet das Nutzungsrecht. Die Einzelprodukte wurden in wenige Bündel überführt. Abgerechnet wird nach physischen Prozessorkernen, mit einem Minimum von 16 Kernlizenzen pro Prozessor, auch wenn der Prozessor weniger Kerne hat.

Diese Regel trifft kleine Umgebungen härter als große, und zwar messbar. Ein Server mit zwei Sockeln und je acht Kernen hat 16 physische Kerne. Lizenziert wird er wie ein Server mit 32 Kernen. Der Faktor zwei entsteht allein aus der Mindestregel. Bei Prozessoren mit 24 Kernen greift sie nicht mehr; dort wird die tatsächliche Kernzahl gerechnet.

Wer also mit wenigen kleinen Hosts arbeitet, zahlt für Kerne, die er nicht hat. Wer große Hosts betreibt, merkt von dieser Regel nichts. Das erklärt, warum die Betroffenheit so unterschiedlich ausfällt und warum Erfahrungsberichte aus anderen Unternehmen für Ihre Rechnung wenig aussagen.

Zur Vollständigkeit gehört die Gegenseite: Kostenlos ist keine der Alternativen. Proxmox VE ist quelloffen und ohne Abonnement nutzbar, für den produktiven Betrieb aber mit Subscription vorgesehen. Sie öffnet das geprüfte Paketrepository und den Support. Bei Hyper-V steckt der Preis in den Windows-Server-Lizenzen, die ebenfalls nach Kernen gerechnet werden; wer überwiegend Windows-Gastsysteme betreibt, braucht sie ohnehin, und die Datacenter-Ausgabe deckt dann beliebig viele virtuelle Maschinen auf dem Host ab.

Rechnen Sie deshalb nicht Produktpreise gegeneinander, sondern Ihre Umgebung durch, mit Ihren Prozessoren, Ihrer Kernzahl, Ihren Gastsystemen und dem, was Sie an Windows-Lizenzen schon halten.

Die vier Fragen, die die Auswahl entscheiden

1. Was betreiben Sie heute, und wer kann es? Die teuerste Variante ist nicht die mit der höchsten Lizenzrechnung, sondern die, für die im Haus und beim Dienstleister das Wissen fehlt. Eine Plattform, die nachts um zwei niemand bedienen kann, ist eine Fehlentscheidung, unabhängig vom Preis.

2. Hängt die Sicherung mit? Das ist der Punkt, der bei Plattformwechseln am häufigsten unterschätzt wird. Sicherungssoftware, Aufbewahrungsketten, Wiederherstellungstests und Notfallpläne sind auf die vorhandene Plattform abgestimmt. Ein Wechsel des Hypervisors ist immer auch ein Umbau der Sicherungskette und in dieser Reihenfolge zu planen, nicht danach.

3. Welche Software läuft darauf, und was sagt ihr Hersteller? Fachanwendungen, Warenwirtschaft, Leitsysteme und branchenspezifische Server werden oft nur auf bestimmten Plattformen unterstützt. Eine Anwendung, die technisch läuft, deren Hersteller aber den Support verweigert, ist ein Risiko, das man vorher kennt oder hinterher bezahlt.

4. Wie sieht Ihr Ausfallszenario aus? Hochverfügbarkeit, Ausfallsicherheit über zwei Standorte, gemeinsamer Speicher oder verteilte Speicherung: Die Anforderung an das Verhalten bei Ausfall bestimmt die Plattform stärker als jedes Leistungsmerkmal im Datenblatt. Wer keine Ausfallanforderung formuliert hat, wählt zwangsläufig ins Blaue.

Erst nach diesen vier Antworten hat der Produktvergleich einen Sinn.

Die drei Plattformen, nüchtern

Wir betreiben alle drei und legen uns bewusst nicht fest. Was sich in der Praxis gezeigt hat:

Keine dieser Spalten ist ein Urteil. Dieselbe Eigenschaft ist je nach Umgebung ein Vorteil oder ein Ausschlussgrund: Dass Proxmox Linux-Kenntnisse verlangt, ist in einem Haus mit Linux-Erfahrung belanglos und in einem reinen Windows-Betrieb entscheidend.

Spricht dafürSpricht dagegen
Microsoft Hyper-VBereits vorhanden, wo Windows Server läuft. Verzeichnisdienst, Verwaltungswerkzeuge und Berechtigungen sind dieselben wie im Rest der Umgebung. Für hochverfügbare Cluster mit lokalem Speicher gibt es Storage Spaces Direct, ohne separates SpeichernetzDie Verwaltung großer Umgebungen ist weniger komfortabel. Bei überwiegend Linux-Gastsystemen zahlt man Windows-Lizenzen für einen Zweck, den sie nicht erfüllen
VMware ESXiDer ausgereifteste Werkzeugkasten, das breiteste Ökosystem, die höchste Verfügbarkeit von Fachwissen am Markt. Wo eine große, gewachsene Umgebung läuft, ist ein Wechsel oft teurer als das AbonnementDie Kostenentwicklung ist der Grund, aus dem die Frage überhaupt gestellt wird. Für kleine Hosts wirkt die Kernmindestregel ungünstig
Proxmox VEQuelloffen, kein Nutzungsende bei Vertragsende, Cluster und verteilte Speicherung mit Ceph ohne Zusatzlizenz, integrierte Sicherung. Für kleine und mittlere Umgebungen häufig die wirtschaftlichste LösungWeniger verbreitet, damit schwerer am Markt einzukaufendes Wissen. Manche Anwendungshersteller unterstützen es nicht. Der Betrieb setzt Linux-Kenntnisse voraus, die vorhanden sein müssen, nicht nur beim Dienstleister

Der Wechsel ist ein Projekt, keine Umstellung

Wo die Rechnung für einen Wechsel spricht, gehört dazu eine ehrliche Aufwandsbetrachtung. Zu planen sind:

Der häufigste Fehler ist der Umzug unter Zeitdruck kurz vor Ablauf eines Abonnements. Dann entfällt genau der Teil, der den Wechsel sicher macht: der Parallelbetrieb mit Rückweg. Eine Verlängerung um ein Jahr ist selten die teurere Entscheidung.

  • die Reihenfolge der Umzüge, beginnend mit dem unkritischsten System
  • ein Rückweg für jeden Schritt, solange die alte Plattform noch steht
  • die Umstellung der Sicherung vor dem ersten Produktivumzug, mit
  • Treiber und Gasterweiterungen in den virtuellen Maschinen, die plattformspezifisch sind
  • die Dokumentation: Systemakten, Notfallhandbuch und Wiederanlaufreihenfolge gelten nach
  • Schulung für die Personen, die die Plattform künftig bedienen

Warum wir uns nicht festlegen

Herstellerunabhängigkeit beim Hypervisor gehört zu unseren Grundsätzen, und sie hat einen schlichten Grund: Ein Dienstleister, der nur eine Plattform betreibt, hat bei dieser Frage kein Interesse an Ihrer Rechnung, sondern an seiner. Wir betreiben Hyper-V einschließlich Storage Spaces Direct, VMware ESXi und Proxmox VE und empfehlen das, was zu Bestand, Anforderung und Können passt.

Der brauchbare erste Schritt ist keine Produktentscheidung, sondern eine Aufnahme: welche Hosts, welche Prozessoren, wie viele Kerne, welche Gastsysteme, welche Lizenzen bereits vorhanden, welche Anwendungen mit welcher Herstellerunterstützung, welche Ausfallanforderung. Danach ist die Frage in aller Regel schon entschieden, und zwar von den Zahlen, nicht von einer Meinung.

Zum Weiterlesen: Was eine Infrastrukturanalyse zutage bringt · Backup ist nicht Notfallvorsorge

Quellen zur Lizenzierung: Broadcom, „Counting Cores for VMware Cloud Foundation and vSphere Foundation" (Wissensdatenbank, Artikel 313548); Proxmox-Subscription-Modell nach Herstellerangabe; Microsoft-Lizenzbedingungen für Windows Server. Stand 07.09.2026. Lizenzangaben sind zeitkritisch und vor einer Entscheidung am Herstellerdokument zu prüfen.